Worlds Apart (Griechenland, 2015)

„Sie verstehen mich jetzt nicht. Aber das macht mir nichts.“ Sebastian

Warum ist der Film Worlds Apart sehenswert?

Cinéclub Mitglied Rosie Bühler: „Ich habe den Film  2016 in Locarno gesehen, als Griechenland im Fokus der Medien war. Flüchtlingskrise, Finanzkrise, soziale Krise und die aufgeladene Krise zwischen Deutschland und Griechenland. Der Film zeigt, wie es ist oder sein kann, in diesen schwierigen Zeiten in Griechenland (oder irgendwo in Südeuropa), den Alltag zu bewältigen. Drei Generationen werden im Hier und Jetzt porträtiert. Ihr Umfeld ist fast unerträglich geworden: Der Druck der Familie, in der Arbeit, das eigene Versagen, die Schuldzuweisungen. Der Regisseur hat beeindruckende Schauplätze gewählt, z.B. der alte stillgelegte Flughafen in Athen. Die Dialoge sind dicht und die Bilder gingen mir nah. Immer wieder stockte mir der Atem. Es ist ein Film über Menschlichkeit und über Gefühle, auch wenn der soziale Hintergrund sehr schwierig ist.”

Film „Worlds Apart“, Quelle: Trigon Film

Pressestimmen

„Nicht umsonst hat der Spielfilm Worlds Apart von Christopher Papakaliatis in seiner griechischen Heimat in den Kinos anfangs 2016 ein Rekordergebnis erzielt und insgesamt mehr als 700’000 Eintritte verzeichnet. Sein Film geht unter die Haut, packt und ist berührend im besten Sinn des Wortes. Auch deshalb, weil uns vieles darin vertraut vorkommen mag, griechisch ist und gleichzeitig europäisch, aus dem Leben gegriffen und gleichzeitig mit Erzählkunst in eine Form gebracht, die aus drei vermeintlich getrennten Erzählungen eine einzige macht: Jene von der Liebe und der Kraft, die sie entfalten kann, über alle Lebensabschnitte und Grenzen hinweg.“ Walter Ruggle für kino.de

„Drei Geschichten erzählen aus den Leben einer Handvoll Menschen, die sich gegen die gesellschaftlichen Fliehkräfte stemmen. Papakaliatis’ Blick auf sein Land ist optimistischer als der seine Kollegen. Dass die Handlungsstränge im Schlussakt zu einer Familiengeschichte verknotet werden, liegt in der Logik dieser Art von Episodenfilmen. Was die Figuren in ihren Einzelschicksalen trennt, muss mit großer Geste zusammengeführt werden. Papakaliatis ist ein Romantiker. Das macht sein Filme tröstlich, aber auch etwas konventionell.“ Andreas Busche für Tagesspiegel online am 23.2.2017

 

Film „Worlds Apart“, Quelle: Trigon Film

 

„Ohne falsches Pathos verflicht der griechische Regisseur Christoforos Papakaliatis in «Worlds Apart» individuelle Schicksale mit den makrogesellschaftlichen Krisen des Mittelmeerstaates. Dass sich neben der Negativität auch ein produktiver Zusammenhang zwischen den Episoden ergibt, verdankt sich der Mythologie, die der Regisseur als Kitt verwendet. Über die Politik triumphiert somit die Poesie. Ein filmischer Glücksgriff.“ Björn Hager für NZZ online am 18.1.2017

 

Film „Worlds Apart“, Quelle: Trigon Film

 

Meret Ruggle sprach für Trigon Film - dem Schweizer Verleiher des Films mit Christopher Papakaliatis über die Dreharbeiten

 

Meret Ruggle : “Der Film behandelt mehrere komplexe Themen wie die Wirtschaftskrise, die Flüchtlingskrise und die historisch aufgeladene Beziehung zwischen Deutschland und Griechenland. Dennoch haben Sie es geschafft, einen unterhaltsamen Film zu drehen, der nicht nur ein politisch interessiertes Publikum ansprechen kann. Wie sind Sie darauf gekommen, die Themen so einzubinden?”

Christopher Papakaliatis: “Ich wollte eigentlich eine Geschichte über die Liebe schreiben. Worlds Apart ist für mich zuallererst eine Geschichte über die Liebe, aber auf eine spezielle Weise. Es war meine Absicht, eine Liebesgeschichte in einer harten und herzlosen Umgebung zu schreiben. In jeder Liebesgeschichte gibt es eine Hürde. Ich beschloss, dass in diesem Film die politische und soziale Krise, die Griechenland und auch den Rest Europas durchrütteln, die Hürde sein würde. In anderen Worten: Es geht um Liebe versus Politik.”

Meret Ruggle : “Möchten Sie mit dem Film eine bestimmte Botschaft vermitteln?”

Christopher Papakaliatis: “Ja, ich wusste sehr genau, was die Botschaft sein würde, auch wenn es ein Klischee ist: Selbst in den extremsten Umständen gibt es immer Platz für die Liebe. Deshalb entschied ich mich auch für den Titel “Worlds Apart”: Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Länder, unterschiedliche Sprachen kommen alle in Griechenland zusammen, Ausländer besuchen Griechenland und verlieben sich in Griechen.”

 

Film „Worlds Apart“, Quelle: Trigon Film

 

Meret Ruggle : “Bleiben wir bei den unterschiedlichen Menschen: Sie haben mit Schauspielerinnen und Schauspielern unterschiedlicher Nationalitäten zusammengearbeitet für den Film. Was war das für eine Erfahrung? Wie haben Sie sich dieses Schauspieler-Ensemble zusammengestellt?”

Christopher Papakaliatis: “Die Erfahrung war extrem interessant. Als wir mit dem Casting begannen, fanden wir als Erstes Tawfeek Barhom aus Palästina, der im Film den jungen Flüchtling Farris spielt. Ich suchte nach Schauspielerinnen und Schauspielern unterschiedlicher Herkunft, Syrien, Europa und auch der USA. Beim Casting half natürlich die Technologie sehr viel, da wir die ersten Gespräche via Skype machen konnten. Dann kam Tawfeek nach Griechenland und las das Drehbuch zusammen mit einem Mädchen, und ich wusste sofort, dass er perfekt war für die Rolle. Kurz darauf geschah dasselbe mit Andrea Osvárt. Sie kommt aus Ungarn und wir entdeckten sie durch unsere Casting-Agentur Athens Casting. Und dann ist da natürlich J.K. Simmons. Er las das Drehbuch, es gefiel ihm, und alles lief ganz einfach ab. Er rief mich an und sagte mir, dass er das Drehbuch mag und er im Oktober nach Griechenland kommen könne. Und schon war er im Boot! Es war tatsächlich sehr spannend, Menschen mit verschiedenen Kulturen und Sprachen zu vermischen.”

Meret Ruggle : “Mit J.K. Simmons haben Sie einen weltberühmten Star in den Film geholt, der schon in zahlreichen Filmen spielte und unlängst einen Oscar für seine Nebenrolle in Whiplash erhielt. Haben Sie ihn vorher schon persönlich gekannt?”

Christopher Papakaliatis: “Nein, ich kannte ihn nicht persönlich. Ich schickte ihm einfach das Drehbuch über seine Agentur, und es gefiel ihm. Unglaublich, wie einfach das war.”

Meret Ruggle : “Gab es einen grossen Unterschied, mit einem Schauspieler wie J.K. Simmons zu arbeiten, der eine Riesenerfahrung hat und in Dutzenden von Filmen mitgewirkt hat, und der Arbeit mit jungen Schauspielerinnen wie Niki Vakali (im Film: Daphne)?”

Christopher Papakaliatis: “Da gab es gar keinen Unterschied. Am Anfang war ich etwas besorgt – es ist immerhin J.K. Simmons! Aber als ich ihn zum ersten Mal traf, merkte ich, dass er die professionellste und zur gleichen Zeit entspannteste Person ist, mit der ich je gearbeitet habe. Er ist sehr nett, extrem intelligent und talentiert. Ausserdem hat er einen starken Sinn für Humor, das ist sehr wichtig für mich. Ich arbeite gerne mit Künstlern zusammen, von denen ich etwas lernen kann. Und dann passte auch einfach alles zusammen: Maria Kavoyianni und er sprachen auch im echten Leben nicht dieselbe Sprache, aber bei der Zusammenarbeit hatte man das Gefühl, dass sie sich schon ewig kannten! Es gibt eine magische Chemie zwischen den beiden! Das spürt man auch im Film in ihren Szenen. Ja, und das hat nichts mit Sprache, Hintergrund, Hollywood oder USA vs. Europa zu tun. Da geht es nur um die Menschen.”

Meret Ruggle : “Dann spricht Maria kein Englisch?”

Christopher Papakaliatis: “Nur sehr wenig, so wie im Film.”

Meret Ruggle : “Sie selbst nehmen verschiedene Rollen ein in diesem Film: Sie sind Schauspieler, Sie schrieben das Drehbuch und führten Regie. Wie war diese Erfahrung?”

Christopher Papakaliatis: “Ich schrieb den Film, führte Regie, produzierte ihn und spielte darin mit – so war das schon immer, ich bin das gewohnt. In den letzten 15 Jahren habe ich meine eigenen Fernsehshows gemacht, und dies ist mein zweiter Kinofilm. All diese Rollen einzunehmen ist interessant, manchmal aber auch sehr komplex und merkwürdig, weil es halt besonders wichtige Funktionen sind. Manchmal hilft eine Rolle der anderen, aber manchmal auch nicht – sie prallen gegeneinander! Aber schlussendlich, wenn du weisst, was du willst, glaube ich, dass das geht. Was zählt, ist die Geschichte und wie du sie erzählst. Ich weiss immer von Anfang an, was für eine Geschichte ich erzählen möchte.”

Meret Ruggle : “Dann werden Sie das ebenso machen in Ihrem nächsten Film?”

Christopher Papakaliatis: “Auf keinen Fall! (lacht) – Doch, natürlich. Ich bin gerade dabei, mein nächstes Drehbuch zu schreiben, und habe zur Zeit Gespräche in unterschiedlichen Ländern für die Produktion. Wenn ich etwas schreibe, habe ich das Bedürfnis, dabei auch Regie zu führen. Ich kann allerdings auch Regisseur eines anderen Drehbuchs sein, das ich nicht selber geschriebennhabe. Ich kann auch als Schauspieler ein anderes Drehbuch verwirklichen, wenn es mir gefällt. Aber es geht immer um die Geschichte. Wenn ich etwas schreibe, dann habe ich eine gewisse Erzählart bereits im Hinterkopf. Ich kenne jede Szene bis ins Detail, und weiss, wie sie gefilmt werden muss. Das als Regisseur zu verwirklichen, ist also in erster Linie ein Bedürfnis.”

 

Film: „Worlds Apart“, Quelle: Trigon Film

 

Meret Ruggle : “Wie steht es denn um die griechische Filmindustrie bei der aktuell schwierigen Lage im Land? Hat sie sich in den letzten Jahren stark verändert?”

Christopher Papakaliatis: “Auch ohne Wirtschaftskrise – ich denke, es ist immer schwierig, einen Film zu drehen, egal, wo du bist! Natürlich ist aber das Standardbudget in Griechenland wegen der Wirtschaftskrise sehr tief. Zum Glück haben wir in Griechenland – wo ich seit 25 Jahren arbeite – viele talentierte Leute, Schauspieler, Regisseure, Crews. Doch wir sind nicht sehr gut in der Produktion. Selbst in einer kleinen Industrie wie derjenigen von Griechenland: Es liegt uns, Geschichten zu erzählen, und wir geben alles dafür, sie gut zu erzählen. Die Wirtschaftskrise hat vieles schwieriger für uns gemacht. Aber nicht nur für uns – ich glaube, das ist in ganz Europa so, und wie ich gelernt habe, auch in Nordamerika!”

Meret Ruggle : “Zu den stärksten und aufwühlendsten Szenen gehören für mich jene mit den Faschisten. Solche Szenen kennen wir nicht in dem Ausmass hier in der Schweiz. Wie ist das in Griechenland in der Realität?”

Christopher Papakaliatis: “Das ist auch bei uns nicht direkt Realität, sondern dient natürlich der Dramaturgie. Es ist schliesslich ein Film. Aber 2013, als ich das Drehbuch schrieb, gab es tatsächlich ein starkes Anwachsen des Faschismus in Griechenland. Und auch das kann man überall in Europa wahrnehmen – der Faschismus erlebt eine neue Blütezeit wegen der Krise. 

Meret Ruggle : “Die Szene mit dem Aufmarsch der Schwarzhemden sind beeindruckend gefilmt. Wie verliefen da die Dreharbeiten?”

Christopher Papakaliatis: “Es war das erste Mal, dass ich Abenteuerszenen drehte! Ich war so nervös, denn wir hatten 400 Leute am Set, aber ein vergleichsweise kleines Produktionsteam. Es ist ja kein Hollywoodfilm sondern einer, der mit einem sehr kleinen Budget gemacht wurde, im Vergleich zu europäischen Filmen. Es war schwierig, aber eine tolle Erfahrung. Wir hatten eine tolle Crew, und jeder liebte es, obwohl wir 24/7 arbeiteten!”

Meret Ruggle : “Die Szenen in der Markthalle und am alten Flughafen sind wirkungsvoll.”

Christopher Papakaliatis: “Ja, an diesen Szenen arbeiteten wir sehr verbissen. Wir mussten den ganzen Markt erstmal aufbauen – der existiert in Wirklichkeit ja nicht dort. Also mussten wir ihn erst aufbauen und danach wieder zerstören während des Drehs. Wir brauchten zwei Tage, um ihn aufzubauen, und Giorgos Georgiou, der für die Ausstattung zuständig war, leistete dabei eine wunderbare Arbeit. In der Szene spielten übrigens auch Flüchtlinge mit. Die Aufnahmen am alten Flughafen waren der Wahnsinn. Es regnete, und wir wollten nicht, dass es einen Unfall geben würde. Ich erinnere mich noch gut daran, es war im Juni, als wir diesen Teil drehten. Woran wir nicht dachten, war der Ramadan. Die Leute waren erschöpft, weil sie den ganzen Tag nicht gegessen hatten! Aber sie waren sehr nett und machten das wunderbar. Unsere Agentur fand sie durch ihre Gemeinden, damals lebten sie noch nicht auf dem alten Flughafen. Heute tun sie das.”

Meret Ruggle : “Wie stark hatten Sie sich zuvor mit der Flüchtlingsthematik auseinandergesetzt?”

Christopher Papakaliatis: “Ziemlich intensiv. Ich habe mit einem Team eine Recherche dazu gemacht, mit syrischen Flüchtlingen geredet, die damals gerade in Booten angekommen waren . Aber man darf nicht vergessen: 2013 war die Flüchtlingskrise noch kein grosses europäisches Problem. Es war nur ein griechisches und italienisches Problem. Italien und Griechenland waren die Eintrittspunkte. Heute ist das anders.”

Meret Ruggle : “Und wofür stehen die Beerdigungszeremonien im Film?”

Christopher Papakaliatis: “Die Geschichte spielt zeitlich rund um den Karfreitag, und ich wollte Elemente finden, die die Geschichten verbinden, vor der grossen Aufschlüsselung am Ende. Eines davon ist der Mythos von Eros und Psyche, ein weiteres das griechisch-orthodoxe Osterfest. Das sollte gleichfalls ein griechisches Element im Film darstellen, denn das Osterfest in Griechenland ist ziemlich einzigartig. Und es soll dem Publikum auch vermitteln: Alle drei Geschichten spielen in derselben Periode, in der Osterwoche.”

Meret Ruggle : “Letzte Frage: Ihr Charakter nimmt Loseft, ein Anti-Depressivum. Was steckt dahinter?”

Christopher Papakaliatis: “Ich wollte drei Geschichten schreiben, die sich schlussendlich verbinden. Die erste sollte die Liebe zweier 20-Jähriger sein, die zweite die 40-Jährigen, die dritte die 65-jährigen. Die zweite – meine – Geschichte, behandelt Themen, die meine Generation durchmacht. Leute werden gefeuert, die Wirtschaftskrise, Eheprobleme, die Thematik der Familie und Kinder, und es wird viel Druck auf die Menschen ausgeübt. Deshalb bediente ich mich der Anti-Depressiva. Ich machte eine kleine Recherche, und ich fand heraus, dass Anti-Depressiva in Europa einen riesigen Anstieg hatten – nicht so in Griechenland, bis vor fünf Jahren. Nun begannen die Menschen auch hier und beinahe schlagartig, diese Medizin zu nehmen, etwas, was vorher praktisch nicht existierte bei uns. Heute weiss plötzlich jeder darüber Bescheid. In den USA und im Rest Europas sind diese Medikamente sehr verbreitet, also fällt das für sie gar nicht so ins Gewicht, wenn sie den Film sehen. In Griechenland gab es das noch nicht zur Zeit meiner Eltern! Im Film wollte ich, dass der Hauptcharakter die Anti-Depressiva nimmt, und sie dann wegwirft, als er sich verliebt. Liebe ist nicht die Lösung, aber ein Anfangspunkt zu einer Lösung vieler Probleme!”

 

 

„Worlds Apart“ am 14. Februar um 20:15 im Kino Rosental.