Wilde Maus (AUT, Deutschland, 2016)

„Seit ich auf der Welt bin, sind andere Menschen wie Ausserirdische.“ Georg

Warum ist der Film Wilde Maus sehenswert?

Cinéclub Mitglied Jürg Schrag: „Die Wilde Maus ist für mich sehenswert, weil der Film trotz des Protagonisten, der die ganze Zeit todernst dreinschaut und von einem Desaster in die nächste Enttäuschung schlittert, aufgrund von vielen grotesken Situationen komisch ist. Der frühe Woody Allen lässt grüssen. Tragikomödien sind für mich das beste Filmgenre. Wilde Maus ist eine davon. Der Film ist voller, aus dem Leben gegriffener Situationskomik und fein geschliffener Dialoge. Ich konnte schmunzeln und musste nicht laut herauslachen, was für mich einem Kompliment gleichkommt.“ 

Film „Wilde Maus“, Quelle: Majestic Filmverleih

„Wenn jemand charmant ist, dann wäre das ja fast langweilig, wenn da nicht ein bisserl eine Schlitzohrigkeit auch dabei wäre. Also jemand, der nur charmant ist, den würde man ja nicht aushalten. Das sind Geschwisterpaare, das Charmante und das Verlogene, die, behaupte ich jetzt einmal, ohne einander gar nicht existieren können.“ (Josef Hader)

Der Wiener Schmäh charakteristiert den Wiener Humor und kann in jeder Art der Kommunikation verwendet werden. Er ist schwer zu definieren, da im typischen Wiener Schmäh viel Humor, Sarkasmus, Arglist, Melancholie und Boshaftigkeit zu finden ist, das ganze gibt es in freundlich, morbiden, grantelnden ( schlecht gelaunt), raunzenden und charmanten Versionen, oder auch alles in Einem. Häufig wird der Wiener Schmäh mit dem Wiener Charme verwechselt, charmantes ist zwar dabei, aber der Schmäh setzt eine ironisch-zynische Distanz voraus. Ebenso wird er mit der Wiener Gemütlichkeit assoziiert, diese ist auch im Wiener Schmäh zu finden, aber es zeichnet ihn auch eine gewisse Unfreundlichkeit, Hintergründigkeit, Übertreibung und Schlitzohrigkeit aus. Bei geselligen Zusammensein „läuft“ oft der Schmäh als derb-liebenswerte und meist nicht ganz ernst gemeinte Form der Unterhaltung, was oft für Aussenstehende den Anschein des oberflächlichen und des nichts Ernst nehmen hat. (gelesen auf wien-bilder.at)

 

 

PRESSESTIMMEN

„Dem Genre der Tragikomödie verpflichtet, das so gut wie kein anderes zum österreichischen Humor passt, glänzt „Wilde Maus“ dort, wo der Sprachartist Hader das politische korrekte Geschwätz und die hohlen Rituale der homo- und metrosexuellen Großstädter aufspießt.“ Hannes Hintermeier für faz.net am 10.03.2017

„Vieles kommt in »WILDE MAUS« zusammen, Loser-Komödie und Midlife-Crisis, und natürlich ist die Geschichte vom tiefen Fall auch ganz realistisch durch die Krise des Mediums Print geerdet. Hader hat mal gesagt, dass die Printjournalisten die Bergarbeiter des Mittelstands seien, denen die Gruben geschlossen werden.“ Rudolf Worschech für epd-film.de am 24.02.2017

Film „Wllde Maus“, Quelle: Ioan Gavriel

„Er ist desillusioniert, aber sensibel, zynisch, doch unbestechlich, stur und manchmal auch hinterfotzig, in jedem Fall aber wesentlich schlauer, als er dreinschaut. Mit dem dann doch überraschenden Ergebnis, dass diese Figur authentisch wirkt und einem ans Herz geht. Doch letztlich gilt dies für alle Kinofiguren Haders. Und allesamt beweisen sie seine Virtuosität, mit minimalen Mitteln große Wirkungen zu erzielen.

Die Figuren des Josef Hader sind keine Helden, auch nicht des Alltags. Eher versuchen sie, sich im Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeiten über Wasser zu halten und dabei noch ihre Würde zu bewahren.“ Alexandra Seitz für epd-film.de am 07.03.2017

Film „Wilde Maus“, Quelle: Film Bulletin
In Österreich verzeichnete der Film am ersten Wochenende 52.332 Besucher und lieferte damit den erfolgreichsten Kinostart eines österreichischen Films seit Poppitz im Jahr 2002. In Deutschland gelang Wilde Maus der beste Start eines österreichischen Films. Mit 264.284 Besuchern war der Film laut Film Austria der erfolgreichste Film des österreichischen Kinojahres 2017.
Quelle: wikipedia
Regisseur Josef Hader am Set von Wilde Maus. Quelle: Majestic Filmverleih
Am 17.03 2017 sprach Frank Arnold für epd-film mit Josef Hader über sein Regiedebüt »Wilde Maus«

„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so schön sein würde“ (Josef Hader)

Frank Arnold: „Herr Hader, Sie haben erstmals bei der Verfilmung des Theaterstücks »Indien« (1993) am Drehbuch mitgearbeitet…“

Josef Hader: „Mein Kollege Alfred Dorfer und ich hatten das als Zweipersonenstück geschrieben und gespielt. Damals kam ein junger Regisseur, Paul Harather, der noch an der Filmakademie studierte, und wollte daraus einen Film machen. Daraufhin habe ich mit ihm zusammen das Drehbuch verfasst. Ich weiß noch sehr gut, dass ich damals meine ersten Auseinandersetzungen über Drehbuchdramaturgie hatte – mit ihm, der mir alles nahegebracht hat, was es so an amerikanischen Ideen dazu gibt. Ich fand es schon damals gut, darüber Bescheid zu wissen, auch um es bewusst nicht immer zu machen. „

Frank Arnold: „Hat diese erste Schreiberfahrung für die Leinwand sich später auch bei Filmen bemerkbar gemacht, wo Sie nur als Darsteller engagiert waren? Haben Sie Sich da gelegentlich zu dramaturgischen Fragen geäußert? Bei Szenen, in denen Sie nicht auftraten? Oder nur, wenn die Regisseure Sie darum gebeten haben?“

Josef Hader: „Ich habe bei allen Rollen, wo ich nicht von vornherein Ko-Autor war (und das sind ja nicht so viele) zugesagt, weil das Buch mir wirklich gut gefallen hat oder ich das Gefühl hatte, dass ich irgendeinen besonderen Zugang zu der Rolle habe und dachte, dass es gut ist, dass ich sie spiele und nicht ein richtiger Schauspieler. Da war es mir dann immer ein Ehrgeiz, wirklich jedes Komma zu spielen, ohne etwas am Text zu ändern.“

Frank Arnold: „War es bei »WILDE MAUS« so, dass Sie sich sagten, jetzt bin ich so weit, dass ich selber inszenieren kann und suche mir einen Stoff, oder gab es erst den Stoff und im Vorbereitungsprozess die Entscheidung, diesmal auch die Regie zu übernehmen?“

Josef Hader: „Am Anfang war die Idee, ein Buch ganz allein zu schreiben, ein Originaldrehbuch, und zu schauen, was dabei herauskommt, und selber auch die Hauptrolle zu spielen. Dass ich selber einmal Regie führen möchte, hatte ich zwar immer im Hinterkopf, aber wenn ich selber die Hauptrolle spiele, ist das keine so gute Idee, dachte ich mir. Ich habe eigentlich immer zwei Pläne gehabt, Plan A und Plan B. Plan A war eigentlich schon, einen anderen Regisseur zu holen. Ich habe aber im Lauf des Schreibens immer mehr eine fixe Vorstellung davon bekommen, wie es ein sollte, und dachte mir, einen guten Regisseur kann man gar nicht bitten, denn das wäre eine Art Ko-Regie, weil ich schon so klare Vorstellungen hatte, d.h. jeder Regisseur ist arm, wenn er dazu kommt bei einem Projekt, in dem ich schon tief drinnen stecke – und umgekehrt bin ich auch arm, wenn er kommt und einen ganz eigenen Film machen will. Dann habe ich mir gesagt, mal sehen, was die Produktionsfirma sagt.

Ich bin dann nach zwei Jahren bewusst zu einer Firma gegangen, mit der ich noch nie gearbeitet hatte, die mir aber aufgrund ihres Rufes am besten geeignet schien. Sie haben mich beide angeschaut und gesagt, »Das ist Dein Film, Du musst Regie führen.« Da habe ich mir gedacht, mit diesem Vertrauen mache ich das. Sie haben mir dann wirklich in allen Dingen den Rücken freigehalten, in jeder Krise, die es auch gab, mich unterstützt. „

Frank Arnold: „Da Sie einen Musikkritiker spielen, kann man wohl davon ausgehen, dass Sie viele Überlegungen auf die Auswahl der Musikstücke verwandt haben?“

Josef Hader: „Der erste Gedanke war nur, dass ich mir gesagt habe, wenn ich einen Film mache, dann muss das ein Film ohne Score sein, weil ich als Zuschauer Scores selten mag. Und ich bin eben immer gut damit gefahren, die Dinge so zu machen, wie sie mir selber gefallen. Das Zweite war, dass ich enge Beziehung zur klassischen Musik habe und das im Film auch ausdrücken wollte.“

Frank Arnold: „Wie weit war der Rhythmus des Films schon bei Dreh da, wieweit fand er sich erst im Schneideraum?“

Josef Hader: „Das war insgesamt ein großer Lernprozess, bei dem wir uns bemüht haben, nicht allzu viele Fehler zu machen. Im Drehbuch las sich der fortwährende Wechsel der Orte sehr abwechslungsreich, aber der Rhythmus war fade, so haben wir die Geschichte länger im Prater gelassen und sind dann erst wieder zurück in die Wohnung, wir haben die Kleinteiligkeit ein wenig rausgenommen. Auf den Schnitt habe ich viel Zeit verwendet und zwischendurch auch immer wieder Pausen gemacht, damit ich noch einmal mit frischem Blick draufschauen konnte. Man kann durchaus sagen, dass der Film im Schnitt noch einmal neu überlegt wurde.“

Frank Arnold: „Gab es auch beim Drehbuchschreiben immer wieder Pausen?“

Josef Hader: „Ich habe eine Fassung geschrieben, dann etwas anderes gemacht, dann die nächste, das Ganze dauerte drei Jahre. Diese Abstände sind für mich sehr gut, andererseits kann ich auch die Disziplin nicht aufbringen, drei Stunden am Tag zu schreiben, ich brauche immer eine freie Zeit, wo ich mich in so eine Sache hineinschrauben kann.“

Frank Arnold: „Gibt es generelle Unterschiede beim Schreiben eines Drehbuches und beim Schreiben eines Kabarettprogramms?“

Josef Hader: „Nicht so stark, wie man annehmen würde, weil meine Kabarettprogramme meistens auch ein wenig wie Theaterstücke strukturiert sind. Der große Unterschied ist, dass man für sich selber schreibt und niemand draufgucken muss. Dadurch kann es mehr Textsammlung bleiben und der Text wird erst durch Lesungen vor Leuten ausgeformt.“

Frank Arnold: „Gab es Drehbuchfassungen, die Sie anderen zum Lesen gegeben haben?“

Josef Hader: „Immer mal wieder. Jede Fassung wurde von ein paar Leuten gelesen, wobei ich immer darauf geachtet habe, dass jemand dabei war, der es zum ersten Mal liest. Beim Dreh war ich das absolute Gegenteil von einem Regisseur, der seinen Film vollkommen im Kopf hat, ich habe viele Vorschläge aufgenommen.“

Frank Arnold: „Sie haben das tragikomische Element als entscheidend für den Film benannt. Mussten Sie da im Schnitt nach der einen Seite hin ausgleichen?“

Josef Hader: „Im Vergleich zu den Filmen, die ich vorher geschrieben hatte, musste ich das Komische zurücknehmen, denn das Komische kann die Probleme des Films kleiner machen, weil man das Gefühl hat, dass am Ende doch alles gut ausgeht Es war mir hier wichtig, dass die Zuschauer zwischendurch diesen Glauben verlieren. Diese Ausbalanciertheit habe ich allerdings schon im Drehbuch gesucht, im Film stellte sich das als eher mühelos heraus, weil ich lauter Schauspieler und Schauspielerinnen hatte, die gar nicht komisch spielen konnten. Sie haben einfach ihre Figuren gespielt und die Situationen. Ich kann mich an kein einziges Mal erinnern, wo ich das Gefühl hatte, wir sind zu komisch.“

Frank Arnold: „Sie spielen einen Kritiker, wir sehen auch einmal ein Opfer seiner Tätigkeit, den asiatischen Imbissangestellten.“

Josef Hader: „Ich wollte jemand von großer Bedeutung, einen König, vom Thron stürzen, ihn tief fallen lassen. Das war notwendig um zu erklären, warum diese Arbeitslosigkeit ihn im Verlauf des Films dann so seltsam macht. Ich habe mich gefragt, welchen Beruf es gibt, an dem die Menschen oft so narzisstisch dran hängen wie Künstler, gleichzeitig aber von einem Tag auf den nächsten entlassen werden können. Wenn man dann noch im Kopf hat, es sollte ein bedrohtes Gewerbe sein, dann landet man schnell bei einem Journalisten.“

Frank Arnold: „Gibt es etwas, von dem Sie sagen würden, das war die größte Überraschung beim ersten Mal Regieführen, Sie hätten nicht damit gerechnet, dass es so schwer sein würde?“

Josef Hader: „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so schön sein würde – vom Schreiben bis zum Schnitt.“

Film: „Wilde Maus“, Quelle: Film Bulletin

„Wilde Maus“ am 17. Januar um 20:15 im Kino Rosental.