Raving Iran (Schweiz 2016)

„Bei uns ist alles underground“ Protagonist im Film

Warum ist der Film Raving Iran sehenswert?

Cinéclub Mitglied Sybille Falkenbach: „Du gehst aus diesem Film aus dem Kino und nimmst neue Fragen für Dich selbst mit nach Hause. Du warst ein paar Minuten deines Lebens an einem Ort und in einem Milieu zu Gast, wo Du sonst niemals hinkommen würdest. Du hast gelacht und geweint und durftest bei einer grossen Entscheidung dabei sein. Es gab grossartige Bilder, eine gute Geschichte und einen spannenden Schluss. Was will man mehr von einem Dokumentarfilm? Kommt den Film schauen. Es lohnt sich. (Und: Es kommt fast keine Techno Musik vor…)

Film „Raving Iran“, Quelle: rise and shine cinema

Pressestimmen

„Der Film hat Preise gewonnen, er wurde zu einer unüberschaubar großen Anzahl von Festivals in aller Welt eingeladen, geht es doch um Flucht und um Weltpolitik im Kleinen, und er wurde oft dafür gelobt, zuletzt als bester deutscher Erstlings-Dokumentarfilm, politisch zu sein. Bestimmt ist das richtig, der Film ist auch ein wenig politisch, aber was ihn zu einem Glücksfall macht, ist nicht die politische Botschaft, es ist das Porträt einer Freundschaft zweier Männer.“ Matthias Stolz für zeit online am 29. 09. 2016

„Die Dramatik und Dynamik des Films speist sich aus seiner Geschichte und wird unterstrichen durch die von den Umständen diktierte Umsetzung. Die oft verwackelten Bilder besitzen eine große Unmittelbarkeit, die den Zuschauer die erstickende Situation im Iran mehr sinnlich erfahren als analytisch begreifen lässt. Gerade dem europäischen Publikum macht er eindrücklich deutlich, was es wirklich bedeutet, in Freiheit leben zu dürfen.“ Oliver Kaever für Spiegel online am 29.9.2016

Film „Raving Iran“, Quelle: rise and shine cinema

„In seinem letzten Viertel verlässt der Film den Iran, ohne an Brisanz zu verlieren. Anoosh und Arash sind zur Streetparade nach Zürich, der grössten Technoparty der Welt, eingeladen worden, um vor Tausenden von Menschen aufzulegen, ihr Visum dauert fünf Tage. Die Abreise rückt näher, die beiden jungen Männer müssen sich entscheiden: bleiben oder zurückkehren. «Wir wollen nicht, dass ihr zurückkommt», sagt die Mutter. Was für ein Satz! Ebenso tragisch wie lakonisch bringt er den Zwiespalt von Exilanten, egal ob aus dem Iran oder anderswoher, auf den Punkt. Sie sind zwischen Heimat und Sehnsuchtsort, zwischen Familie und Selbstverwirklichung, zwischen Herkunft und Freiheit gefangen. Kein einfacher Weg.“ Michael Ranze für filmbulletin am 24.10.2016

Film „Raving Iran“, Quelle: rise and shine cinema
Juliane Reil spricht mit Susanne Regina Meures für deutschlandfunk.de am 29.9.3016

Regisseurin Susanne Regina Meures,              Quelle: filmstudieren.ch

Not macht erfinderisch

Juliane Reil: „Ihre beiden Protagonisten Anoosh und Arash, die beiden DJs, die Sie in Ihrem Film begleiten, die – würde ich sagen – gehören ja nicht zur privilegierten Schicht. Wie haben Sie diese beiden DJs gefunden?“

Susanne R. Meures: „Nachdem die Idee hatte, einen Film zu machen über die ganze Szene, hab ich mich auf Facebook angemeldet  – da war ich noch in Europa – und hab durch Facebook so mal diese ganze Szene beleuchtet. Und hab dann halt so viele Kids angeschrieben, und Anoosh und Arash waren dann halt zwei von den ca. 40 oder 50, die ich kontaktiert hab.“

Juliane Reil: Und was sind das für zwei Menschen? Wie haben Sie die erlebt?

Susanne R. Meures: „Sehr offen, sehr interessiert. Beide hatten das große Bedürfnis auch, halt mal in die Welt hinaustreten und eben der Welt zeigen, dass es im Iran noch mehr gibt außer Chados und Mullahs.“

Juliane Reil: „Und innerhalb dieser Szene, wie muss man die beiden da einordnen?“

Susanne R. Meures: „Also, man muss dazu schon sagen, die Szene ist natürlich relativ klein, dadurch, dass das Ganze sehr abgegrenzt ist und sich auch nicht so international vermischt. Es hat schon so recht dörfliche Züge in Teheran, d.h. jeder kennt jeden im Grunde und die beiden sind doch recht bekannt. Und sie legen auf, produzieren aber auch ihre eigene Musik.“

Juliane Reil: „Die Film-Aufnahmen im Iran haben verdeckt stattgefunden. Sie sind nicht mit einer großen Kamera durch die Gegend gelaufen, sondern mussten erfinderisch sein. Einmal machen Sie sogar heimlich Aufnahmen im Ministerium für Kultur und Islamische Führung, wo Anoosh und Arash eine Bewilligung für ihre Musik einholen wollen. Wie hat das funktioniert, dort zu filmen?“

Susanne R. Meures: „Das hat einiges an Vorbereitung gebraucht. Ich habe mir natürlich wirklich überlegen müssen, wie stelle ich das jetzt an, weil im Iran selber konnte ich kein Equipment bekommen, musste also irgendetwas mitnehmen und dann habe ich mich im Endeffekt entschieden, eine Touristenkamera mitzunehmen, mit der man auch filmen kann, relativ unauffällig. Dann hatte ich noch ein iPhone dabei und dann habe ich versucht, mein Ton Equipment per Kurier anonym zu schicken, aber das wurde sofort konfisziert. Und dann habe ich im Endeffekt auf dieser Touristenkamera gedreht. Und Ton-Equipment konnte ich mir dann doch noch im Iran besorgen. Das war zwar auch kompliziert, aber hat dann – Gott sei Dank – geklappt. Und die versteckte Kamera, das war zum Großteil iPhone.“

Juliane Reil: „Ein iPhone, das Sie aber nicht vor sich getragen haben, oder? Man marschiert doch nicht ins Ministerium und hat eine weibliche Begleitung, die eine Handy-Kamera vor sich trägt.“

Susanne R. Meures: „Nee, natürlich nicht. Ich hab ein Hemd anfertigen lassen im Basar, in dem ich das Telefon versteckt hab. Also recht gefährlich, die ganz Angelegenheit.“

Juliane Reil: „Wie kommt es, dass Sie sich dieser Gefahr ausgesetzt haben für einen Film, der Ihr Debüt ist. Also ein erstes Projekt und sich einem solchen Risiko aussetzen?“

Susanne R. Meures: „Das ist wahrscheinlich eine Frage der Persönlichkeit. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich das normalerweise durch.“

Juliane Reil: „Für Ihre beiden Protagonisten ist es ja auch sehr gefährlich gewesen, sich auf dieses Projekt einzulassen, weil die Chance entdeckt zu werden, mit Musik, die eigentlich illegal ist im Iran. Das ist gefährlich gewesen, haben Sie da jemals Bedenken gehabt oder vielleicht sogar Skrupel, die beiden in dieses Projekt zu verwickeln?“

Susanne R. Meures: „Ja, absolut und wir haben natürlich auch häufig darüber geredet. Und sie beide haben auch immer wieder Angst bekommen und das Projekt abgebrochen. Aber wir waren uns immer einig, dass das Material, dass ich dann im Endeffekt habe, das ich halt immer sehr vorsichtig damit umgehen werde.“

Juliane Reil: „Sehr oft werden Sie von der Polizei kontrolliert. Es gibt sogar eine Szene, da wird ein Rave von der Polizei gestürmt. Die Aufnahmen brechen abrupt ab. Später erfährt der Zuschauer, dass Anoosh kurzzeitig im Gefängnis ist und Arash entkommen konnte. Wie haben sie die Situation erlebt?“

Susanne R. Meures: „Ich muss sagen, diese Party war im Prinzip nur noch so das i-Tüpfelchen auf einem konstanten Stress, den wir hatten. Und es war nicht lustig, ganz klar, aber wir sind halt mit den ganzen anderen Kids rausgestürmt und gegangen, während die Polizisten halt dringeblieben sind und Anoosh festgenommen haben, weil er der DJ war – sozusagen das Oberhaupt.“

Juliane Reil: „Sie sprachen gerade davon, dass die beiden den Film abbrechen wollten zwischendurch. War diese Erstürmung der Polizei, war das ein Moment für Sie, bei dem sie gedacht haben „Okay, jetzt breche ich dieses Projekt ab.”?“

Susanne R. Meures: „Nein, der Gedanke ist mir nie gekommen während des Films. Ich hab nie daran gedacht, den Film abzubrechen.“

Juliane Reil: „Wie kommt das?“

Susanne R. Meures: „Also, ich wusste ja auch nicht, wo die Geschichte noch hinläuft. Es war natürlich schon so, dass ich noch verschiedene Hürden zu überwinden hatte, angefangen mit überhaupt ein Visum zu bekommen. Ich war insgesamt sechsmal im Iran und ich musste mich jeweils wieder für ein Touristen-Visum bewerben und wusste nicht, ob ich wieder eines bekommen würde. Das heißt, der Film hätte auch durch mich immer wieder ein abruptes Ende hätte finden können, aber solange ich im Iran war und gefilmt hab, solange wäre ich nicht auf die Idee gekommen, den Film abzubrechen.“

Juliane Reil: „Haben Sie heute noch Kontakt zu Anoosh und Arash?

Susanne R. Meures: Ja, hab ich.“

Film „Raving Iran“, Quelle: rise and shine cinema

„Das Organisieren von Rave-Partys und die Veröffentlichung von House- und Techno-Musik missfällt den staatlichen Sittenwächtern. Die Angst, erwischt zu werden, tanzt immer mit: Gefängnisstrafen für Veranstalter oder Teilnehmer von Techno-Partys sind normal. Nicht weniger schwierig waren die Dreharbeiten. Am Ende wurde das gesamte Filmmaterial von jungen Leuten, die in Europa studierten und auf Heimaturlaub waren, auf verschlüsselten Festplatten aus dem Land geschafft. Es landete zerstreut in ganz Europa und wurde anschließend per Kurier in die Schweiz gebracht. Dass das gelungen ist, ist fürs Kino ein Glücksfall: Hoffnung, Sehnsucht, Glück – „Raving Iran“ bewegt den Zuschauer. Der Film hat viele Preise gewonnen und wurde zu unzähligen Festivals in aller Welt eingeladen.“ Alexander Antonakis für fnp.de am 01.10.2016

„Raving Iran“ am 25. Oktober um 20:15 im Kino Rosental.