Paterson (USA, 2016)

„Wärst Du lieber ein Fisch?“ Protagonist Paterson

Warum ist der Film Paterson sehenswert?

Cinéclub Mitglied Sybille Falkenbach: „Ein Innehalten in der hektischen Vorweihnachtszeit lohnt sich immer. Paterson ist wie eine Achtsamkeitsübung. Lenkt man den Blick aufs Detail wird man reich beschenkt. Danke Jim Jarmusch für diese schönen langsamen Minuten.“

Film „Paterson“, Quelle: kino-zeit.de

PRESSESTIMMEN

„Was machen wir eigentlich den ganzen Tag? Was bleibt, wenn wir unseren Alltag bis auf das nackte Gerüst ausziehen? Wir wachen auf, bereiten uns auf den Arbeitstag vor, durchleben diesen, gehen nach Hause, haben ein wenig Feierabend und legen uns dann wieder ins Bett. Am nächsten Tag beginnt dieser Zyklus erneut. Diese Erkenntnis ist banal und trotzdem kompliziert, weil es um die einzige Chance geht, etwas aus unserer begrenzten Zeit auf der Erde zu machen. Was auch immer das sein mag. Und wenn man sich mit dieser Banalität des Daseins konfrontiert sieht, dann löst das schon mal existenzielle Ängste aus. Ein zitterndes „Ist das alles?“ hallt da durch den eigenen Kopf. Nun kann man mit Heidegger Kraft aus dieser Einsicht schöpfen und im Wissen der eigenen Sterblichkeit zu neuer Größe wachsen. Oder man schaut sich „Paterson“ an, den neuen Film von Jim Jarmusch, und findet darin Ruhe.“ Felix Zwinzscher für welt.de am 17.11.2016

Film „Paterson“, Quelle: Mary Cybulski, webd

„Aus der Zeit fallen – eine schöne Idee. Sich nicht der Rastlosigkeit der Welt ergeben. Zeit haben, sich Zeit nehmen. Sein Glück in Routinen, Reduktion und Repetition finden. Die Entschleunigung zelebrieren. Jim Jarmusch macht es vor. Mit «Paterson», seinem jüngsten Film, knüpft er an sein Frühwerk an und findet zugleich zu neuer Höchstform. Es ist ein Film, der wie ein Antidot wirkt in einer Zeit gesellschaftlicher Eskalation und eskapistischer Zerstreuung.“ Susanne Ostwald für nzz.ch am 21.12.2016

„Vielleicht sieht das nach einem Arrangement mit den Verhältnissen aus . Aber Jarmusch misst die Menschen an ihren Möglichkeiten.  Über ihren Hobbys und Marotten kommen in Paterson Paare und Passanten, Kollegen und Nachbarn miteinander ins Gespräch – und überwinden wie nebenbei alle möglichen Grenzen, ethnische, nationale, solche des Alters und Geschlechts. Eine schöne Stimmung der Akzeptanz und des Miteinander liegt über dem Film, ein rührender Humanismus – völlig quer zu dem Prozess der Entsolidarisierung, der in den USA, und nicht nur dort, gerade wieder einen Kulminationspunkt erreicht hat. Vielleicht, scheint Jarmusch mit der ihm eigenen zenhaften Gelassenheit zu sagen, müssen wir überhaupt erst einmal wieder hineinfinden in so etwas wie eine Gesellschaft.“ Sabine Horst für Die Zeit Nr. 48/2016 am 17.11.2016

Film „Paterson“ Quelle: Mary Cybulski, webd
Regisseur Jim Jarmusch, Quelle: Venturelli/WireImage
Der Autor Christian Aust sprach mit Jim Jarmusch über Poesie und Haarfarben. Das Interview fand am 16.11.2016 für musikexpress.de statt.

Christian Aust: „Ihre weißen Haare sind Ihr Markenzeichen geworden. Aber wie fühlte es sich für Sie an, als Ihre Haare in sehr jungen Jahren grau wurden?“

Jim Jarmusch: „Nicht besonders gut. Denn ich war damals noch ein Teenager. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie die Mädchen in meiner Klasse mich ausgelacht haben: „Wenn du das Haus deiner Eltern gestrichen hast, solltest du dir vielleicht mal die Haare waschen.“ Das war echt mies, Mann. Es war ja nicht meine Schuld. In dieser finsteren Phase fing ich irgendwann an, schwarze Klamotten zu tragen.“

Christian Aust: „Als modischen Protest?“

Jim Jarmusch: „Genau. Die Inspiration war so eine Mischung aus Hamlet, Zorro und Roy Orbison. Der Look gefiel mir dann aber so gut, dass ich dabei geblieben bin. Als ich dann „Stranger Than Paradise“ gemacht hatte, schrieb ein Kritiker: „Was für ein prätentiöser Idiot. Er zieht sich schwarz an, färbt sich die Haare weiß und macht einen Schwarz-Weiß-Film ohne irgendeine Form von Action.““

Christian Aust: „Wie haben Sie reagiert?“

Jim Jarmusch: „Ich fand das ganz schön kaltherzig. Aber ich habe da eine wichtige Lektion gelernt. Wenn dich irgend jemand nach deinem Äußeren beurteilt: Just fuck them! Das ist deren Problem. Und deswegen darf ich es nicht persönlich nehmen. Es gab allerdings eine Zeit, in der ich darüber nachgedacht habe, mein Haar schwarz zu färben. Aber dann hätten sie wahrscheinlich geschrieben: „Was für ein prätentiöser Idiot, der sein Haar schwarz färbt.“ (lacht) Irgendwann habe ich die Haare einfach so akzeptiert, wie sie sind.“

Christian Aust: „Viele Künstler beginnen Ihre Karriere als Teil der Gegenkultur. Mit dem Erfolg werden sie Mainstream. Sie gelten immer noch als unangepasst und unabhängig. Wie haben Sie das gemacht?“

Jim Jarmusch: „Ich mache eben Filme auf meine Art und dafür habe ich gekämpft. Letztendlich geht es ja darum, dass dir die Menschen, die dir das Geld geben, um einen Film zu machen, nicht vorschreiben dürfen, was du zu machen hast. Es liegt auch daran, dass ich extrem störrisch bin: Auf so einen Kompromiss würde ich mich nie im Leben einlassen. Solche Projekte interessieren mich nicht.“

Christian Aust: „Einige Kritiker haben „Paterson“ als Ihren persönlichsten Film bezeichnet. Was halten Sie von solchen Theorien?“

Jim Jarmusch: „Als „Only Lovers Left Alive“ in die Kinos kam, haben sie auch geschrieben: „Sein persönlichster Film.“ Und ich erinnere mich sehr gut, dass die Reaktionen auf „Broken Flowers“ auch in dieselbe Richtung gegangen sind. Es ist etwas kurios. Für mich ist jeder meiner Filme gleichermaßen persönlich. Ich muss aber auch gestehen, ich bin nicht besonders gut darin, meine Filme zu vergleichen oder zu analysieren. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was zum Teufel sie bedeuten.“

Christian Aust: „Untertreiben Sie da nicht ein bisschen?“

Jim Jarmusch: „Ich folge einfach meinen Instinkten. Und es fällt mir wirklich schwer, anschließend einzuordnen, was ich da gemacht habe.“

Christian Aust: „Warum wollten Sie einen Film über einen Poeten machen und welche Rolle spielt Poesie in Ihrem Leben?“

Jim Jarmusch: „Als Teenager habe ich angefangen, die französischen Symbolisten zu lesen, in der englischen Übersetzung natürlich. Ich habe Baudelaire und Rimbaud entdeckt. Dann habe ich mir die amerikanischen Poeten vorgenommen. Mit Walt Whitman habe ich angefangen. Irgendwann habe ich auch William Carlos Williams und seine Paterson-Gedichte gelesen. Wissen Sie, warum ich Poeten mag?“

Christian Aust: „Weil Sie unangepasst sind?“

Jim Jarmusch: „Ich habe nie einen Poeten getroffen, der diesen Job für Geld gemacht hat.“

Christian Aust: „Stimmt, Geld ist mit Poesie nicht zu verdienen.“

Jim Jarmusch: „Poeten meinen wirklich, was sie machen, weil sie die Poesie lieben. Als ich dann aus Akron in Ohio entkommen konnte, wo ich aufgewachsen bin, und endlich in New York gelandet war, war ich total begeistert von den Dichtern der New York School. Das Buch „Anthology Of New York Poets“ war damals meine Bibel. Und wenn man eines Tages eine Art cineastisches Äquivalent zu den Gedichten der New York School definieren würde, wäre ich überglücklich, wenn ich unter diesen Regisseuren wäre. Diese Poeten gehören zu meinen absoluten Helden.“

Christian Aust: „Wird man Ihnen in Paterson jetzt ein Denkmal bauen, weil man durch Ihren Film wieder über diese Kleinstadt spricht?“

Jim Jarmusch: „Das bezweifle ich stark. (lacht) Paterson hat eine interessante Geschichte. Es liegt relativ nah bei New York und trotzdem wissen viele New Yorker nicht, dass es existiert. „

Schauspieler Adam Driver mit Regisseur Jim Jarmusch, Quelle: ALBERTO PIZZOLI/AFP/Getty Images
Film „Paterson“ Quelle: Mary Cybulski, Weltkino

„Paterson“ am 13. Dezember um 20:15 im Kino Rosental.