Menashe (USA, 2017)

„Du musst stark sein wie ein Löwe“ Menashe

Pressestimmen

Der fast vollständig in jiddischer Sprache gedrehte erste Spielfilm des Dokumentarfilmers Joshua Z Weinstein öffnet die Tür zu einer versperrten Welt: Chassidische Juden bleiben normalerweise strikt unter sich. Dass ein nicht-orthodoxer jüdischer Filmemacher ihnen so nahe kommen, gar einen aus ihrer Mitte als Protagonisten verpflichten und mit einer gemischten Crew in Teilen der Gemeinde drehen konnte, ist eine Sensation. Weinstein schaut mit einem liebevoll-dokumentarischen Blick auf seine Figuren – er konnte sie ohnehin nicht komplett inszenieren, denn er spricht kein Jiddisch und gab ihnen darum nur Handlungsanweisungen für die Szenen, die sie selbst in ihre Sprache übersetzten.“ Jenni Zylka für der tagesspiegel.de am 05.09.2018

Film: Menashe, Quelle: Deutschlandfunk

„Nach Jahren als Dokumentarfilmer ist dies Joshua Weinsteins erster Spielfilm. Er hatte tatsächlich ein Skript. Und doch vertraut er noch seinen bewährten Methoden. „Es geht um Authentizität“, sagt er. Weinstein will echte Orte, echte Emotionen, echte Straßenszenen. Er liebt es, wenn während des Drehs zufällige Begebenheiten inhaltliche Aufgaben bekommen. Das gilt auch für seine Schauspieler. „Falsche Bärte funktionieren nicht.“

Weinstein hatte folglich große Probleme, aus der Gruppe derer, die er porträtiert, Laienschauspieler zu rekrutieren. Denn orthodoxe Juden, die keine Filme schauen, drehen schon einmal gar keine. 

Menashe Lustig hat seinen Rabbi nicht gefragt, ob er bei diesem Film mitmachen dürfe. Er wollte es zu sehr. „Lieber jetzt ein kleiner Gegenwind als später ein großes Bedauern.“ Deike Diening für der tagesspiegel.de am 15.02.2017

 

Film: Menashe, Quelle: spiegel online

 

Joshua Z. Weinstein zeichnet mit „Menashe“ das sensible Porträt eines Mannes, den man im realen Alltag womöglich übersehen würde. Der zutiefst anrührt durch jene stille Beharrlichkeit, mit der er für seine Belange und Überzeugungen kämpft. Umso mehr, wenn man um den wahren Kern weiß. Denn Hauptdarsteller Menashe Lustig spielt zu weiten Teilen sich selbst. Auch Lustig ist Chasside, hat einen Sohn und verlor seine Frau, auch er arbeitet als Gemischtwarenhändler in New York. Durch YouTube-Clips, in denen er als Stand-up-Comedian auftritt, wurde Weinstein auf ihn und seine Lebensgeschichte aufmerksam.

Für den Film ließ sich der Regisseur auf ein mutiges, fast waghalsiges Projekt ein. Gedreht wurde zwei Jahre lang an Originalschauplätzen in Borough Park, mit streng orthodoxen Laiendarstellern, von denen privat niemand einen Fernseher besitzen darf. Das Ergebnis bietet einen sehenswerten Einblick in eine hierzulande fremde Welt mit ihren ganz eigenen Konflikten. Weil diese aber letztlich universeller Natur sind – Tradition versus Aufklärung, Orthodoxie gegen Häresie – und sich Weinstein auf eine überschaubare Storyline beschränkt, lässt sich das Dilemma des traurigen Helden Menashe problemlos nachempfinden. Zumal Lustig diese Figur denkbar einfühlsam und wahrhaftig verkörpert.“ Kaspar Heinrich für spiegel online am 06.09.2018

 

Film: Menashe, Quelle: Spiegel
Maria Wiesner, Redakteurin der Frankfurter Allgemeine, sprach am 17. Februar 2017 mit dem Hauptdarsteller Menashe Lustig über die Dreharbeiten.

M. Wiesner: „Herr Lustig, Sie sind in einer chassidischen Gemeinde aufgewachsen, ohne Fernsehen oder Internet…“

M. Lustig: „Ja, und ohne Filme, ohne Restaurants, ohne Zeitungen, ohne SMS. New Square, wo ich aufgewachsen bin, ist eine kleine Stadt etwa eine Stunde von Manhattan. Sie wurde vom Rabbi meines Vaters gegründet. Er war ein Holocaust-Überlebender aus der Ukraine und hatte beschlossen, ein Dorf zu bauen, weg von der Stadt in den Wäldern, in dem man so leben konnte, wie sein Vater es getan hat. Er hat alle möglichen Leute dort aufgenommen, nicht nur Ukrainer auch Bulgaren, Polen. Und die nächste Generation, also meine, ist dann so aufgewachsen.“

M. Wiesner: „Wie sind Sie in so einer Umgebung darauf gekommen, Schauspieler zu werden?“

M. Lustig: „Ich bin mit diesem Talent geboren. Ich habe 13 Geschwister, sechs oder sieben von ihnen haben das Talent auch, aber sie benutzen es nicht. Auch meine Mutter nicht, sie war sehr fantasievoll und poetisch. Ich war immer ein lustiges Kind. Als ich zwölf Jahre alt war, entdeckte ein Lehrer mein Talent und ließ mich in einem Stück mitspielen. Und seitdem habe ich es weiterverfolgt.“

M. Wiesner: „Und irgendwann haben Sie angefangen Clips auf Youtube zu stellen…“

M. Lustig: „Ich bin nach London gezogen, um meine Frau zu heiraten. Ein Freund dort sagte mir, man könne in der öffentlichen Bibliothek Filme bekommen. Ich war sehr an Geschichte und Filmen über den Holocaust interessiert, also habe ich sie mir dort ausgeliehen. Und das hat mich offener gemacht. In London habe ich dann angefangen, diese kleinen Comedy-Clips auf Youtube zu stellen. Manche Menschen haben mich gefragt: Machst Du das wegen der Aufmerksamkeit? Nein, ich mach das für mich. Weil es mir Spaß macht, weil es mein Talent ist. Ich habe viele Ideen. Und spätestens alle drei Monate muss ich meine Kamera aufstellen und einen Clip drehen. Ich habe auch angefangen zu schreiben. Und wenn ich damit unter hundert oder tausend Leuten einen erreiche, genügt mir das. Meine Frau in London hat es verstanden, wir haben kurz vor ihrem Tod noch einmal darüber gesprochen, ob es sie stört, dass ich dieses Interesse verfolge. Sie sagte, dass sie versteht, dass es mein Talent ist und ich dem nachgehen muss.“

M. Wiesner: „Der Film „Menashe“ erzählt zu großen Teilen Ihre Lebensgeschichte. Die Hauptfigur kämpft darum, nach dem Tod seiner Frau den Sohn allein bei sich aufzuziehen zu dürfen, obwohl das nur verheirateten Paaren erlaubt ist. Was war die größte Schwierigkeit für Sie während des Drehens?“

M. Lustig: „Als erstes habe ich meinen Freunden erklärt: Bitte denkt nicht für eine Sekunde, dass ich meine Religion aufgegeben habe. Es war sehr hart für mich, bis die Leute akzeptiert haben, dass ich etwas anders bin, nicht sehr, ich bin nur ein bisschen aufgeschlossener. Ich bin ja nicht hier um ein Star zu sein, ich möchte etwas kreatives machen, etwas kreieren. Und ich habe sehr lange darauf gewartet, dass ich jemanden finde, mit dem ich zusammenarbeiten kann. Als ich dann den Regisseur Joshua Z. Weinstein traf und er den Film mit mir machen wollte, bin ich einfach ins kalte Wasser gesprungen. Es war sehr hart für mich, physisch und emotional. Es gab Nächte, in denen ich nicht geschlafen habe und darüber nachgegrübelt: Ist das das Richtige, das ich hier mache? Werden die Leute es als angemessen aufnehmen? Ich war sehr zerrissen. Aber man muss das Risiko eingehen, wenn etwas gutes herauskommen soll.“

„Menashe“ am 24. April um 20:15 im Kino Rosental.