I Daniel Blake (Grossbritannien, 2016)

„Ich gebe nicht so einfach auf“ Daniel Blake

Warum ist der Film I Daniel Blake sehenswert?

Cinéclub Mitglied Andreas Stock: „Vor zwei Jahren hat „I, Daniel Blake“ den Publikumspreis auf der Piazza Grande von Locarno gewonnen. Eine ergreifende Szene ist mir seither unvergessen geblieben. Nach dem Warten in einer langen Schlange erhält die alleinerziehen Katie, Mutter zweier Kinder, bei einer gemeinnützigen Stelle Lebensmittel ausgehändigt. Weil sie seit Tagen nichts zu Essen hatte, öffnet sie in einem verzweifelten Reflex zitternd eine Dose mit Früchten und beginnt zu essen. Die Szene ist eine fiktionale Dramatisierung von realen Ereignissen, die Drehbuchautor Paul Laverty und Regisseur Ken Loach bei ihren Recherchen erfahren haben. Gedreht wurde die Szene mit den beiden Hauptdarstellern in einer realen so genannten „Foodbank“ mit jenen Leuten, die dort Freiwilligeneinsätze leisten sowie jenen Menschen, die dort monatlich einmal Lebensmittel beziehen können.“

 

Film „I Daniel Blake“, Quelle: cineman.ch

Pressestimmen

“Ken Loach ist kein Mann für Farbenfreude im Kino. Er will es uns nicht schön machen mit seinen Filmen. Er will uns auch nicht unterhalten, so wie es die Gesetze des Marktes und die Gremien der Filmförderung vorschreiben. Was Loach will, ist das, was die antiken Dramatiker mit ihren Geschichten wollten: Sie sollten uns erschüttern” Andreas Gilb für faz.net am 24.11.2016

“Mit „Ich, Daniel Blake“ liefert Ken Loach eine unaufgeregte und konsequente Bestandsaufnahme des Wohlfahrtsstaates in trist-grauen, für den Regisseur so typischen Bildern. Pessimistisch ist das Drama des Briten dabei aber zu keinem Zeitpunkt, denn der Regisseur ist überzeugter Humanist und kein knorriger Zyniker. So bleibt auch immer wieder Platz für eine Prise trockenen englischen Humors und einen Hoffnungsschimmer in der über weite Strecken zutiefst rührenden Erzählung. Fazit: Ken Loach setzt in seinem emotional berührenden Sozialdrama „Ich, Daniel Blake“ der geballten Kälte des britischen Wohlfahrtssystem puren Humanismus entgegen.” Carsten Baumgardt für filmstarts.de

 

Film „I Daniel Blake“, Quelle: cineman.ch

 

“Es ist erstaunlich, wie Loach seinem niederschmetternden Stoff, für den er vor Ort, etwa bei Tafeln für die Armenspeisung, recherchierte und drehte, humorvolle Seiten abgewinnt. Er macht daraus eine Fabel, exemplifiziert Begebenheiten und Zustände und dringt zum wahren Kern der Sache vor, indem er Details bewusst überhöht und vereinfacht. Das Drehbuch seines langjährigen Stammautors Paul Laverty ist von grimmigem Witz und sprühendem Sarkasmus, den vor allem der Stand-up-Comedian Dave Johns in der Titelrolle mit sicherem Gefühl für Timing transportiert. Loach sagt: «Wut kann sehr produktiv sein, wenn man sie zu nutzen weiss» – so wie er die seine für den Film. Denn wütend ist dieser Film, und das ist gut so. Ken Loachs Sozialdrama «I, Daniel Blake» ist ein witziger, wütender und zutiefst ehrlicher Film.” Susanne Ostwald für nzz.ch am 1.12.2016

 

Film „I Daniel Blake“, Quelle: cineman.ch

„Loach ist jetzt achtzig Jahre alt. Er hätte sich auf dem Filmolymp auch zurücklehnen können. Stattdessen ist „Ich, Daniel Blake“ noch einmal ein kämpferisches Werk geworden – Loachs unversöhnlichster und wirkungsmächtigster Film seit Langem. In Großbritannien hat er einen Nerv getroffen. „Ich, Daniel Blake“ ist dort ein Publikumserfolg und schaffte es in die politischen Debatten: Erst kürzlich drängte Labour-Chef Jeremy Corbyn Premierministerin Theresa May, sich den Film anzusehen, um die „institutionalisierte Barbarei“ des britischen Sozialhilfesystems zu verstehen. Eine fiktive Geschichte wird zur politischen Nachhilfestunde erklärt – das muss ein Film erst einmal schaffen.” Martina Knoben  für sueddeutsche.de am 24. November 2016

Urs Bühler interviewte Ken Loach für die Neue Züricher Zeitung am 01.12.2016

Man muss wissen, was der Feind denkt

Im Gespräch verteidigt Loach seine Weltsicht mit der Unverrückbarkeit, die ihn in England zum Helden der einen und zum Staatsfeind der anderen werden liess. Sein Wesen aber ist von erlesener Höflichkeit. Sein Ringfinger hält diskret das Notizpapier des Journalisten auf dem Tisch, als der Wind es aufscheucht. Während er Pfeile gegen das Kapital abfeuert, umspielt den Mund ein mildes Lächeln, das nur manchmal ins leicht Maliziöse kippt. Er spricht leise, sehr leise und sanft meist, auch als er zu Beginn mit hochgezogenen Brauen konstatiert: «Ich hörte, Sie schreiben für die Zeitung des Establishments?»

NZZ: “Nun, wir haben Stammleser in allen politischen Lagern, auch viele im linken.”

Ken Loach: “Natürlich. Man muss doch wissen, was der Feind denkt.”

NZZ:  “Was den Klassenkampf betrifft: Sind Sie optimistischer oder pessimistischer geworden in den letzten zwanzig Jahren?”

Ken Loach: “Eher optimistischer: Viele jüngere Leute sind entschlossener denn je, sich zu organisieren, einen Wechsel herbeizuführen. So problematisch der Brexit ist, er ist ein Zeichen für Aufbruch. Doch der Kampf wird intensiver: Die Rechte tut alles dafür, Macht zu wahren, die Grossfirmen wollen weiter ihren Profit steigern.”

NZZ: “Grossfirmen bieten auch Jobs und tragen mit Steuern zum Allgemeinwohl bei.”

Ken Loach: “Es werden bei uns gerade diverse Fälle von Firmen publik, die trotz enormen Einnahmen keine Steuern zahlen. Und sie wollen einfach die beste Arbeit für möglichst wenig Geld erhalten. So ist der Kapitalismus: Es beginnt mit kleinen Familienunternehmen, die sich um ihre Mitarbeiter kümmern, und endet mit globalen Firmen, die Arbeit nicht mehr wertschätzen. Also muss sich das Modell ändern: Dienstleistungen und Produktion sollen der Gemeinschaft gehören, welche die Arbeit unter allen aufteilt. Das wird den Lesern Ihrer Zeitung jetzt nicht gefallen. Aber es tut mir leid, die gehören bald einer vergangenen Zeit an, oder sie werden uns alle zerstören.”

NZZ: “Bitte keine Leserbeleidigung hier. Sie selbst machten 1990 einen Werbespot für McDonald’s. Möchten Sie das erläutern?”

Ken Loach: “Nun, es war eine ganz schlechte Periode in meiner Karriere. Ich hatte zehn Jahre keinen rechten Spielfilm zustande gebracht, diverse Dokumentarfilme wollte das Fernsehen nicht zeigen. Ich erhielt keine Arbeit und hatte eine junge Familie. Also drehte ich einige Werbefilme.”

NZZ: “Sie, der einmal die UBS als Hauptsponsorin des Filmfestivals Locarno mit dem Teufel verglich, verkauften Ihre Seele?”

Ken Loach: “Ich tat nur, was jeder tat. Ich wünsche, ich hätt’s nicht getan. Doch ich war desillusioniert, glaubte nicht mehr an mich. In einem langen Leben kommt es vor, dass man einmal das Vertrauen verliert.”

NZZ: “Wie gewannen Sie es zurück?”

Ken Loach: “Bald darauf gelangen mir mehrere Filme, die internationale Anerkennung fanden. Für «Hidden Agenda», später «Raining Stones» gab es den Jurypreis in Cannes. Vor allem französische und italienische Festivals gaben uns eine Präsenz und Anerkennung, ohne die ich jetzt ganz sicher etwas anderes machen würde.”

NZZ: “Was hätten Sie denn getan?”

Ken Loach: “Ich weiss es nicht, wohl unterrichtet.”

NZZ: “Wären Sie ein guter Politiker geworden?”

Ken Loach: “Nein. Politiker müssen mit Taktik und Manövern im Alltag bestehen. Dabei verliert man die Grundideen aus den Augen. Wer aber Filme macht oder andere Kunst oder Philosophie betreibt, muss die grossen Prinzipien im Blick behalten, die uns führen müssen. Sonst gehen sie unter im täglichen Kampf.”

NZZ: “Hilft es für das Künstlersein, wenn man ständig diese Ideologie im Kopf hat?”

Ken Loach: “Ich wüsste nicht, wie man anders ein Künstler sein könnte. Sonst handelt man nur mit Eindrücken, und die sind nicht immer wahr. Ein Arzt muss das Skelett kennen, um zu verstehen, wie der Körper arbeitet. Das muss auch Kunst tun, es geht um die Struktur der Gesellschaft, um das, was unter der Oberfläche ist.”

NZZ: “Welche Ziele trieben Sie nach Ihren Anfängen bei «BBC Drama» zum Film?”

Ken Loach: “Ich hatte Passion fürs Theater, aber das dort praktizierte Format war zu formell. Wir wollten in die Strassen, das echte Leben festhalten: schnell, realistisch. So landeten wir beim Filmemachen.”

NZZ: “Sie haben schon betont, Filme müssten den Leuten auch Hoffnung geben. Tut das «I, Daniel Blake» wirklich?”

Ken Loach: “Indirekt schon, hoffe ich: Einige Figuren handeln solidarisch. Aber ich kann keinen Werbespot einfügen in den Plot, um Hoffnung zu geben. Ich bin der Wahrheit verpflichtet gegenüber Story und Charakteren. Sonst wäre es Propaganda.”

NZZ: “Wahrheit: Was heisst das für Sie als Privatperson und als Regisseur?”

Ken Loach: “O Gott, persönliche Beziehungen sind kompliziert – da gibt es keine objektive Wahrheit, etwa in Schuldfragen. Geht es aber darum, die Kräfte zu verstehen, die in Geschichte und Politik wirken, gibt es eine objektivierbare Wahrheit. Das hat mir einst mein Geschichtslehrer gezeigt, der mich sehr prägte. Er liess uns Ursachen für einen Bürgerkrieg in Notizen darlegen, geordnet nach einem strengen Codex. Noch heute notiere ich mir die Dinge so. Das schafft viel Klarheit.”

NZZ: “Wie wäre es, wenn Sie der Royal Family einmal eine Filmstory widmen würden?”

Ken Loach: “Ich könnte das nicht. Ich muss die Figuren mögen, über die ich Filme mache. Und die Royal Family interessiert mich nicht. Man kann das in englischen Fussballstadien beobachten bei Klubs, die Fans im oberen Mittelstand haben: Sie sind weniger witzig, weniger passioniert, weniger verwundbar als jene der Arbeiterklasse, die mehr Komik und Wärme haben – und die ich ins Bild setzen will.”

 

Regisseur Ken Loach Quelle: Filmverleih GmbH

„I Daniel Blake“ am 20. September um 20:15 im Kino Rosental.