Frantz (Deutschland, Frankreich, 2016)

„Seien Sie glücklich Anna.“ Protagonist Andrien

Warum ist der Film Frantz sehenswert?

Cinéclub Präsidentin Fabienne Duelli: „Weil die Liebe an Jemanden Hoffnung gibt. Sie ist der Sinn um weiter zu existieren. Auch wenn es ein Trugschluss sein kann. Es hat sich dennoch gelohnt es zu versuchen.“

Film „Franz“, Quelle: dpa

Pressestimmen

„Die nachhaltigste Überraschung dieser aus Überraschungen gestrickten Geschichte besteht darin, dass sie schon einmal erzählt worden ist. 1931 drehte Ernst Lubitsch seinen Film „Broken Lullaby“ über einen französischen Kriegsveteranen, der die Eltern und die Verlobte des Soldaten Walter Hölderlin besucht, den er im Schützengraben getötet hat (der deutsche Verleihtitel sorgte für Klarheit: „Der Mann, den sein Gewissen trieb“). Es war der einzige gänzlich ernste Lubitsch-Film, und er wurde ein Flop. Wenn Ozon nun den toten Deutschen in Frantz umtauft, was im Mund von Adrien (Pierre Niney) beinahe wie „France“ klingt, dann macht er sich nicht nur einen neuen Reim auf den Lubitsch-Klassiker. Er öffnet auch ein Spielfeld der Zweideutigkeiten, auf dem er sich so sicher bewegt wie zurzeit kein anderer Regisseur im europäischen Kino.“ Andreas Kilb für faz.net am 29.9.2016

Film „Franz“, Quelle: dpa

„François Ozon ist ein Spezialist des posttraumatischen Zustands. Viele seiner Filme erzählen vom Weiterleben nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Hier aber nähert er sich zum ersten Mal der kollektiven Trauer in den so unterschiedlich verwundeten beiden Nationen Deutschland und Frankreich. Dabei arbeitet er symmetrisch – man könnte sagen bilateral, mit großer Neugier auf die deutsche Geschichte und Kultur – auch hier unverkennbar Schüler von Rohmer.“ Christina Bylow für die Berliner Zeitung am 26.9.2016

„Er hat seinem Werk auch eine parabelhafte Ebene beigemengt. Man wird ihrer nicht sofort gewahr. Aber sie ist da, auch wenn sie einem mit französischer Eleganz und nicht mit dem deutschen Holzhammer präsentiert wird. Im Grunde erzählt „Frantz“ nämlich nicht nur von einem ungewöhnlichen deutsch-französischen Paar, das sich früh über die „Erbfeindschaft“ hinwegsetzt. Auch nicht nur davon, wie man in der deutschen Provinz die Schmach der Niederlage sowie die Demütigung durch den Versailler Vertrag verarbeitet. Nein, „Frantz“ handelt vor allem, um mit Nietzsche zu sprechen, von „Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“. Er sagt uns: Nur die Lüge lässt uns leben. Weiterleben jedenfalls.“ Tilman Krause für welt.de am 30.09.2016

„„Frantz“ gehört zu den Filmen, die im Kopf des Zuschauers weitergehen.“ Barbara Schweizerhof für taz.de am 29.9.2016

Film „Franz“, Quelle: dpa

„Auch wenn sich Ozon mit Frantz an grossen Themen wie Schuld, Trauer und Versöhnung abarbeitet, gilt sein Interesse vor allem den Zwischentönen und fein modulierten Mischverhältnissen der Gefühle – wie sich Trauer mit Schuld vermischt, wie aus schlechtem Gewissen Zuneigung wird, wie sich Verlust mit Lust auffüllt. Wie so häufig bei Ozon ist es zugleich eine Geschichte über das Geschichtenerzählen, über die Kraft der Fiktion und Imagination. Insgesamt kommt Frantz deutlich weniger leichtfüssig, verspielt und ironisch daher, als man es von Ozons Filmen gewohnt war. Doch die Nachkriegszeit als deutsch-französische Liebesgeschichte im Genre des Melodramas zu erzählen, ist ein durchaus raffinierter Kunstgriff und ein pointiert gesetzter Anachronismus, der gerade im Brexit-Jahr nachdenklich stimmt. Man kann kaum aus dem Kino gehen, ohne sich zu fragen, was eigentlich aus dieser Vision geworden ist, von der «Frantz» Ozon schwärmt.“ Kristina Köhler für die filmbulletin Printausgabe 6/2016 am 6.10.2016

Regisseur Francois Ozon (links) mit beiden Hauptdarstellern
Patrick Wellinski sprach mit Francois Ozon für deutschlandfunkkultur.de am 01.10.2016

Patrick Wellinski: „Herr Ozon, Ihr größtenteils in Schwarz-Weiß gedrehter Film basiert lose auf Ernst Lubitschs „Der Mann, den sein Gewissen trieb“ von 1932. Was hat Sie an dem Ernst Lubitsch-Film gereizt? Der Film war damals alles andere als ein Hit.“

Francois Ozon: „Also, ich habe mich eigentlich nicht von Lubitschs Film inspirieren lassen, sondern eher von dem Theaterstück von Maurice Rostand, das letztendlich auch Lubitsch inspiriert hat. Als ich hörte, dass Lubitsch in den 30er-Jahren einen Film darüber gemacht hatte, habe ich mir gesagt, ich lass das sein! Wenn das ein Lubitsch ist, was soll ich da jetzt noch für einen Film machen? Aber dann hat man mir gesagt, nee, nee, das war damals ein ganz großer Flop, dieser Film. In dem Film von Lubitsch wie auch in dem Theaterstück, da wird alles aus dem Blickwinkel des jungen Mannes erzählt. Und ich merke, dass mich das nicht so interessiert. Ich wollte eher aus dem Blickwinkel der jungen deutschen Frau erzählen. Und als ich das beschlossen hatte, sah ich für mich eine Möglichkeit, die Geschichte auszubauen. Und ich habe sie dann auch wirklich sehr verändert.“

Patrick Wellinski: Sowohl Theaterstück als auch die Lubitsch-Vorlage sind ja nach dem Ersten Weltkrieg entstanden und waren noch sehr von einem starken Pazifismus getragen.nWar das für Sie eigentlich eine Erleichterung, dass Sie jetzt diesen Film jetzt nicht mehr mit derartig starken pazifistischen Untertönen versehen mussten, sondern dass Sie sich eben auf die Figurenkonstellation stärker konzentrieren konnten?“

Francois Ozon: „Also, das war mir sehr wichtig, zu zeigen, dass über Bildung und Kultur doch eine Verbindung stattfinden kann zwischen beiden Völkern. Und dadurch ist mein Film nicht mehr so politisch, auch wenn vielleicht kleine politische Dinge noch drin sind.“

Patrick Wellinski: „Das Schöne ist ja, der Film heißt zwar „Frantz“, aber Frantz ist eine Leerstelle. Wir dürfen nicht zu viel über den Inhalt sprechen, aber es ist schon interessant, dass ja eigentlich Ihr Film auch „Anna“ hätte heißen können…“

Francois Ozon: „Ja, ich hätte den Film auch „Anna“ nennen können, aber „Frantz“ war für mich offensichtlicher. Weil, gerade für Franzosen klingt „Frantz“ auch so ein bisschen wie Frankreich und das Amüsante daran ist, dass ich Frantz falsch geschrieben habe, nämlich mit einem T. Meine deutschen Koproduzenten machten mich darauf aufmerksam und sagten, na ja, das ist eigentlich ein Rechtschreibfehler, weil Frantz mit t, das gibt es nur in Frankreich. Gut, habe ich mir gesagt und das T wieder aus dem Drehbuch entfernt, und dann kamen wieder meine deutschen Koproduzenten und meinten, jetzt hast du ja das T rausgenommen! Und ich sagte, na ja, ihr habt gesagt, das ist ein Fehler. – „Ja, aber wir fanden das so charmant mit dem T.“ Und so ist das T jetzt wieder mit hineingekommen.“

Patrick Wellinski: „Der Film ist, – wir müssen über diese visuelle Komponente des Films sprechen, – er ist schwarz-weiß. Können Sie erklären, wie diese Entscheidung gefallen ist?“

Francois Ozon: „Also, wenn man anfängt, über den Ersten Weltkrieg Recherchen anzustellen, wenn es um Kostüme geht, wenn es um Drehorte geht, sind eigentlich alle Referenzen, die wir haben, auch in Schwarz-Weiß.  Aber, ich bin ein ganz großer Fan von Technicolor. Und bei dieser Szene von dem ersten Spaziergang zwischen Adrien und Anna dachte ich, das wäre einfach zu schade, das nicht in Farbe zu machen. Und mir fielen eben auch Gemälde von Caspar David Friedrich ein und da dachte ich mir, nein, also, das muss einfach in Farbe sein. Und es kommt eben auch hinzu, nach dieser langen Phase der Trauer bringt die Farbe dann auch einfach ein bisschen…ein bisschen mehr ins Leben der beiden Figuren.“

Patrick Wellinski: „Genau, das wollte ich noch mal vertiefend fragen:  wann holen Sie die Farbe wieder rein in den Film. Koppeln Sie das wirklich immer an die Gefühle, also Trauer und Vergebung?“

Francois Ozon: „Ja, also, das war ein ganz großes Problem für die Produzenten des Films, die wollten eine Logik, die wollten ganz genau wissen, warum und wieso Farbe auftritt in dem Film. Und ich bin kein logischer Mensch in dem Sinne, ich bin da eher ein sinnlicher Mensch und habe eher nach sinnlichen Standpunkten die Farbe ausgewählt. Oft gibt es auch aus anderen Gründen Farbe in dem Film, manchmal hat es mit Glück zu tun, manchmal hat es aber auch mit Lügen zu tun, manchmal hat es mit Erinnerung zu tun. Auf jeden Fall ist Farbe für mich nur ein weiteres Mittel, Regie zu führen. Die französische Produzenten, die noch sehr im Denken von Descartes verhaftet sind, hatten damit Probleme, die deutschen Produzenten sagten, wunderbar, das muss man überhaupt nicht erklären und es ist einfach wunderbar so! Tja, so ist das mit der Farbe gewesen.“

Francois Ozon bei den Dreharbeiten

„Frantz“ am 15. November um 20:15 im Kino Rosental.